Selbstverständnis der GATWU

Selbstverständnis des Vereins

Auf der Mitgliederversammlung der GATWU in Halle ist am 29.10.1999 ein modernisiertes Selbstverständnispapier beschlossen worden. Das Papier wurde nach langer vorangegangener Diskussion zur Kenntnis genommen und verabschiedet. Es gliedert sich in folgende Abschnitte:

  • Allgemeinbildung

Alle Heranwachsenden müssen befähigt werden, sich an der Gestaltung von Technik und Ökonomie im Beruf und im Privathaushalt zu beteiligen. Diese, ihre gegenwärtige und zukünftige Lebenswirklichkeit bestimmenden Strukturen, sind zum Gegenstand des Unterrichts in der Schule zu machen. Nicht nur Schüler und Schülerinnen an Haupt- und Sonderschulen haben ein Recht auf arbeitsweltbezogene Bildungschancen. Ausnahmslos alle Schülerinnen und Schüler bedürfen einschlägiger Kenntnisse, Einstellungen und instrumenteller Fertigkeiten, gerade weil die individuelle und gesellschaftlich notwendige Existenzsicherung keine Frage des Schultyps ist. Arbeit, die zentrale menschliche Form der Daseinsvorsorge und -sicherung, ist in ihren wichtigsten Ausprägungen als Erwerbsarbeit und als Hausarbeit im Schulcurriculum zu verankern.

  •  Realitäten der Bildungslandschaft

In den sogenannten allgemeinbildenden Schulen Deutschlands gilt vielfach ein Fächerkanon als unverzichtbar, der die Arbeitswelt ausblendet. Diese inhaltliche Kanonisierung der Schule geht einher mit einem philologisch geprägten Lernmilieu, in dem das gedruckte und gesprochene Wort dominieren. Auf die Probleme der Alltagswirklichkeit bereitet eine solche Schule nicht immer genügend vor. Die Vorbereitung auf die (spezialisierte) Erwerbsarbeit oblag früher ausschließlich dem Berufsbildungssystem. Auf Hausarbeit wurde selten systematisch vorbereitet. Inzwischen ist die berufliche Normalbiographie von Auflösungserscheinungen bedroht, Hausarbeit wird anspruchsvoller und komplexer. Beide Daseinsbereiche, Erwerbsarbeit und Hausarbeit, sind durch Technologieentwicklung geprägt und stehen im Spannungsfeld von ökonomischer Rationalität und ökologischer Verantwortung. Viel zu wenig Beachtung fand in der Vergangenheit die hohe Interdependenz zwischen Erwerbsarbeit und Hausarbeit.

Seit dreißig Jahren gibt es das Fach oder Lernfeld Arbeitslehre, allerdings längst nicht in allen Bundesländern, nicht in allen Schulformen und oft nur im Wahlpflichtbereich. Daneben existieren – bundeslandspezifisch variierend – die Partikularfächer Technik, Haushalt, Wirtschaft, Berufsorientierung, informationstechnische Grundbildung usw.. Die fehlende Trennschärfe zwischen diesen Fächern ist zum einen kontraproduktiv, zum anderen erwiesen sich Kooperationsappelle oft als nicht einlösbar.

Die GATWU unterstützt alle curricularen und bildungspolitischen Entwicklungen, die an die Traditionen und Erfahrungen dieser Fächer anknüpfen. Sie versucht überdies alle innovativen Kräfte zu bündeln, deren weitere Marginalisierung zu verhindern und den beschriebenen Bildungsanspruch für alle Jugendlichen durchzusetzen.

  • Praxis des Unterrichts

Eine Einführung in die materielle Kultur, wenn dieser Topos vorläufig als Klammer für die genannten Fachbezeichnungen akzeptiert wird, bedarf der curricularen Absicherung. Damit ist keine Schulbuchkultur gemeint, sondern die Organisation mehrperspektivischer Lehr- und Lernarrangements. Diese für alle Schulformen anzuregen und zu fördern, setzt sich die GATWU zum Ziel. Wenn in den einzelnen Bundesländern neue Lehrpläne und Stundentafeln entstehen, dann wird mit dieser Maßnahme oft für viele Jahre der Rahmen abgesteckt, in dem sich Curricula entwickeln können. Die GATWU stellt das bei ihr versammelte Experten-Wissen den Lehrplankommissionen auf Wunsch zur Verfügung und setzt sich für eine personale und materielle Absicherung dieses Bildungsauftrags ein. Letzteres gilt namentlich für moderne Fachräume und die entsprechenden technischen Sicherheitsstandards.

  • Lernfelddidaktik

Der Fächerpluralismus, der von der Arbeitslehre als lntegrationsfach bis zu einer Vielzahl von Partikularfächern reicht, ist durch eine gemeinsame Didaktik zu überwinden. Alle auf diesem Felde Tätigen sind aufgerufen, Entwicklungsarbeiten voranzutreiben, Die GATWU wird nach ihren Kräften alle derartigen Initiativen unterstützen. “Lernfelder” entstehen nicht durch die einfache Addition von Fächern, sie müssen eigens generiert werden. Der Begriff der materiellen Kultur könnte sich hier als ein neues Paradigma erweisen, das die Ableitung didaktischer Aussagen für ein noch zu schaffendes Lernfeld begünstigt.

  • Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern

Die GATWU engagiert sich in allen Phasen der Lehrkräfteausbildung. Noch immer ist das Lehramtsstudium dem Vorwurf der Praxisferne ausgesetzt. Die Distanz zur schulischen Praxis, insbesondere aber auch zur Praxis der gesellschaftlichen Arbeit, wird beklagt. Die GATWU unterstützt deshalb eine Reform der Lehrerbildung in allen Phasen. Angesichts der rasanten Entwicklungen in Technik, Ökonomie und Berufsarbeit erscheint eine intensivierte Fort- und Weiterbildung unverzichtbar. Sowohl in den für Fortbildung zuständigen Landesinstituten, wie auch im Hochschulbereich ist es in den letzten Jahren zu einer gefährlichen Erosion des Lehr- und Ausbildungsangebots gekommen. Hier wird sich die GATWU für die Qualifizierung von Nachwuchskräften einsetzen und die Absicherung bedarfsdeckender Aus- und Fortbildungskapazitäten mit Nachdruck für alle Schulformen und Schulstufen fordern.

  • Organisation und Mitglieder

Die GATWU, 1977 von Lehrerinnen und Lehrern, Hochschullehrenden und Studierenden gegründet ist eine gemeinnützige Gesellschaft. Formal können natürliche und juristische Personen Mitglied der GATWU sein. Namentlich sind dies:

Lehrerinnen und Lehrer

Hochschullehrende und andere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Hoch- und Fachschulen

Angehörige der Schulverwaltung

Studierende, Referendare und Referendarinnen

Bildungspartner wie Arbeitgeberorganisationen, Gewerkschaften, Betriebe und andere Einrichtungen

Die GATWU gründete in der Vergangenheit Landesverbände, deren Vertreterinnen und Vertreter im Bundesausschuss der Gesellschaft zusammenarbeiten. Die Gründung weiterer Landesverbände entspricht dem föderalen Bildungssystem und ist erklärtes Ziel der Gesellschaft. Die GATWU unterstützt die Bildung von ständigen oder zeitlich begrenzt arbeitenden Arbeitsgruppen.

  • Arbeitsformen

Eine wichtige Aufgabe sieht die GATWU im permanenten Dialog mit allen, denen eine moderne Allgemeinbildung der Jugend nicht gleichgültig ist. Der Versuch, das Interesse einer breiteren Öffentlichkeit zu gewinnen, darf dabei nicht aus dem Auge verloren werden. Tagungen und Treffen dienen der Meinungsbildung innerhalb der Gesellschaft, sie sind zugleich Foren für die fachliche Diskussion und den Austausch von Arbeitsergebnissen der Mitglieder.

Die GATWU bedient sich dazu der Veröffentlichung von

Pressemitteilungen

Didaktischen Memoranden

Hinweisen auf die Sicherung der materiellen Basis von Unterricht

Buchpublikationen / Tagungsdokumentationen.

Im Einzelnen geschieht dies durch

Regelmäßige Publikationsorgane der Landesverbände

Mitgliederrundbrief für alle Bundesmitglieder

Präsenz im Internet

Organisation von Fachtagungen und –symposien insbesondere auch mit regionalen Bezügen (Kooperation mit Landesverbänden).

  • Kooperationen

Da Bildungspolitik in der Bundesrepublik weitgehend Ländersache ist, interveniert die GATWU zum einen über ihre Mitglieder in den Ländern (Landesverbände), sie artikuliert sich aber auch auf Bundesebene, indem sie z.B. mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund und mit Arbeitgeberverbänden einen Dialog führt.

Neben der GATWU gibt es historisch gewachsene Fachverbände und übergreifend operierende Organisationen wie zum Beispiel die Konferenz der Vorsitzenden der fachdidaktischen Gesellschaften (KVFF), zwischen deren Zielsetzung und denen der GATWU Schnittmengen existieren. Es gilt deshalb, von allen Seiten Kooperationsbereitschaft zu entwickeln und Kräfte im Interesse der Zielsetzungen der Gesellschaft zu bündeln.